Expertenstimmen

Herr Ulf Schrader

Die Pharmaindustrie am Scheideweg

In den vergangenen Jahren stand die Pharmaindustrie wiederholt am Scheideweg, und angesichts zahlreicher Probleme wird die Grundlage für eine Erneuerung immer schwaecher.Parallel zu diesen Herausforderungen haben sich der Pharmaindustrie jedoch auch neue Chancen eroeffnet: neue Maerkte und Verbraucher, neue Technologien und effizientere Betriebsablaeufe. Ulf Schrader von McKinsey betrachtet und bewertet diese Situation.

Was sind mit Blick auf die Zukunft die größten Herausforderungen für die Pharmaindustrie?

In den vergangenen Jahren stand die Pharmaindustrie wiederholt am Scheideweg, und angesichts zahlreicher Probleme wird die Grundlage für eine Erneuerung immer schwächer:

  • Schwache Produkt-Portfolios und -Pipelines. Die Erträge aus F&E-Tätigkeiten sind im Zuge einer geringeren Wertschöpfung und steigender F&E-Kosten um über 50 % zurückgegangen. Arzneimittel im Wert von über 260 Milliarden USD (40 % der Einnahmen der Pharmaindustrie) werden von 2010 bis 2015 ihren Patentschutz verlieren. Pharmaunternehmen haben ihre F&E-Aufwendungen angesichts der Schwierigkeiten im Bereich F&E-Produktivität zurückgefahren: Von den 2007 überprüften Arzneimitteln wurden 80 % als austauschbar, d. h. unterschiedslos angesehen. Innovationen beschränken sich häufig auf sekundäre Produktmerkmale.

  • Die Pharmabranche wird zur Zeit von einer Generikawelle ungekannten Ausmaßes erfasst, zu der auch die Entstehung des Biosimilars-Marktes beiträgt. Generika (Markengenerika und reine Generika) machen gegenwärtig 50 % des Pharmaumsatzes aus und verzeichnen ein doppelt so schnelles Wachstum wie patentgeschützte Medikamente. Die Marktpenetration stellt sich in den Industrieländern unterschiedlich dar: In Großbritannien, den USA, Deutschland und den Niederlanden ist sie hoch; in Japan, Italien, Spanien und Frankreich dagegen niedrig. In den meisten Ländern hat sie sich jedoch erhöht. Ein Großteil des Generikawachstums wird in Zukunft voraussichtlich auf die Schwellenländer entfallen.
  • Die meisten Gesundheitssysteme nehmen Einfluss auf die Arzneimittelpreise: Dies reicht von radikalen Struktur-, Finanz- und Organisationsreformen bis hin zu rückwirkenden Kürzungen vor dem Hintergrund aktueller wirtschaftlicher Entwicklungen (z. B. Preissenkungen, Zwangsrabatte, starke Generikaförderung, die ausdrücklich mit den weitgehenden Senkungen der Staatsausgaben einhergeht). So hat die niederländische Regierung beispielsweise kürzlich Gesundheitsreformen beschlossen, in deren Rahmen sie die Beträge deckelte, die sie für eine Vielzahl beliebter Arzneimittel zu zahlen bereit ist. Diese Politik führte über einen Zeitraum von einem Monat hinweg zu massiven Preisrückgängen, in der Regel in einem Bereich von 80 bis 90 Prozent. Für manche Moleküle gab es 10 bis 20 Generikakonkurrenten, sodass die Regierung niedrigere Preise problemlos durchsetzen konnte. Und auch andere Zahler im Gesundheitswesen versuchen, Strategien zur Senkung der Arzneimittelpreise umzusetzen. So hat zum Beispiel Deutschland ein Ausschreibungssystem eingeführt, bei dem die Zahler die Pharmaunternehmen auffordern, Angebote für Verträge zur Lieferung bestimmter Moleküle, Portfolios oder Produkte abzugeben. In vielen Fällen können die Zahler dank dieses Ausschreibungssystems Preissenkungen von 20 bis 40 Prozent erzielen.
  • Die Aufsichtsbehörden werden zunehmend zurückhaltender und legen immer mehr Wert auf Sicherheit und die Einhaltung von Vorgaben. Ein Teil der Herausforderung, mit der sich sowohl Unternehmen als auch Behörden konfrontiert sehen, besteht in der zunehmenden Globalisierung der Lieferkette und der klinischen Studien sowie der größeren Komplexität der zu begutachtenden Produkte (häufig ohne Präzedenzfälle oder eindeutigen rechtlichen Rahmen).
  • Image und Ansehen stellen eine bedeutende Herausforderung für die Branche dar. Dies gilt insbesondere im Hinblick auf die jüngsten Probleme in puncto Qualität, Compliance und Produktsicherheit.
    Parallel zu diesen Herausforderungen haben sich der Pharmaindustrie jedoch auch neue Chancen eröffnet: neue Märkte und Verbraucher, neue Technologien und effizientere Betriebsabläufe.
  • Die Schwellenländer bergen ein Potenzial von einer Milliarde neuer Verbraucher, die gegenwärtig noch nicht ausreichend oder gar nicht bedient werden. Diese Märkte werden bis 2018 rund 45 % des weltweiten BIP ausmachen und von 2008 bis 2018 voraussichtlich zweimal so schnell wachsen wie ihre Pendants in den Industrieländern. Das über 7-prozentige Umsatzwachstum der Pharmaindustrie übertrifft bereits heute jenes der Märkte der Industrieländer, die nur um 2 bis 3 % jährlich wachsen. Zwar stellen die BRIC-Staaten die größten neuen Märkte dar (nahezu ein Drittel der weltweiten Pharmaumsätze wird bald allein in China erzielt werden), doch bestehen noch weitere ungenutzte Potenziale in den Märkten am unteren Ende der Pyramide wie z. B. Afrika, Asien und Lateinamerika.
  • In allen Industriestaaten sowie in wichtigen Schwellenländern wie China wird der Gesundheitsbedarf aufgrund der alternden Bevölkerung weiter ansteigen. Beispielsweise wird im Jahr 2020 die Zahl der OECD-Bürger im Alter von über 65 Jahren 240 Millionen betragen (im Vergleich zu 98 Millionen im Jahr 1980); dabei werden die jährlichen Gesundheitsausgaben für einen 75-Jährigen zehnmal so hoch veranschlagt wie die für einen 35-Jährigen. Weitere Schwerpunkte werden zudem Lebensstil und chronische Erkrankungen sein. Laut WHO sind 60% aller Todesfälle im Jahr 2005 auf chronische Erkrankungen zurückzuführen und die Zahl von Todesfällen aufgrund chronischer Krankheiten wird über die kommenden 10 Jahre um 17 % ansteigen. 2025 werden über 300 Millionen Menschen übergewichtig sein und es wird weltweit 400 Millionen mehr Raucher geben (1,6 Milliarden bis 2015).
  • Die Biotech-Branche wird weiterhin florieren und ein Motor für die Innovation in der Pharmaindustrie sein, insbesondere weil immer mehr Wert auf die Produktdifferenzierung gelegt wird. Weiterhin beschleunigen der wissenschaftliche Fortschritt (Proteinbiologie/ komplexe Moleküle, Synthese großer Moleküle, Genomik/ personalisierte Medizin) und der Bedarf nach spezialisierteren, integrierten Behandlungsverfahren die Verlagerung weg von kleinmolekularen hin zu biologischen Arzneimitteln. Maßgeblich für das künftige Wachstum der Pharmaindustrie werden großmolekulare Medikamente sein; prognostiziert wird ein jährlicher Zuwachs von 14 % im Vergleich zu 6 bis 7 % bei den kleinmolekularen Arzneimitteln.
  • Die Pharmaunternehmen legen weiterhin ihren Schwerpunkt auf operative Verbesserungen sowie die Behebung betrieblicher Ineffizienzen. Die Mehrheit der großen Pharmaunternehmen hat aggressive Kostensenkungsprogramme angekündigt und eingeführt.
    Diese Herausforderungen und Chancen wirken sich zum Teil direkt auf die Strategien und das Vorgehen der Pharmaunternehmen aus: Konsolidierung von Produktionsnetzwerken, Verlagerung der Produktion an kostengünstige Standorte, mehr Partnerschaften, tiefgreifende Änderungen in der Kostenstruktur und Produktivität, agile Lieferketten.

Wie bewerten Sie die aktuelle Situation der Pharmaindustrie im Allgemeinen?
In der Vergangenheit erbrachten Investitionen in der Pharmaindustrie höhere Renditen als in vielen anderen Branchen. Der Ergebnispool der Pharmaindustrie hat sich in den letzten 20 Jahren mehr als verdoppelt, ihr Gewinnpool sogar mehr als verdreifacht. Zwar hat die aktuelle wirtschaftliche Leistung der Pharmaindustrie vor dem Hintergrund der allgemeinen Wirtschaftskrise und angesichts der branchenspezifischen Herausforderungen etwas nachgelassen, doch sind wir der Auffassung, dass sie weiterhin eine attraktive Branche bleibt, die ein starkes Nachfragewachstum verzeichnen wird. In 10 bis 15 Jahren werden die erfolgreichen Pharmaunternehmen erheblich kostengünstiger arbeiten und gleichzeitig Wachstumschancen im Rahmen geografischer Expansionen und Produktinnovationen nutzen. Als Gewinner aus dieser Entwicklung werden die Unternehmen hervorgehen, die sich am schnellsten den Veränderungen in der Branche und ihren neuen Herausforderungen anpassen und von den neuen Chancen und Möglichkeiten profitieren.

Ulf Schrader ist Partner bei McKinsey & Company in Hamburg und Co-Autor zahlreicher Studien zum Thema Supply Chain in der pharmazeutischen und chemischen Industrie. Er kam 1999 zu dem internationalen Beratungsunternehmen und ist heute Mitglied im Führungsteam der Global Pharma Operations Group. In dieser Tätigkeit hat er viele große deutsche und internationale Pharma-Unternehmen strategisch beraten. Er ist Herausgeber des 2009 erschienen Buches „Outpacing Change in Pharma Operations“, das einen breiten Überblick über Trends und Herausforderungen in der Pharma-Industrie gibt. Herr Schrader ist Diplom-Ingenieur und Magister der Geschichte der TU Berlin und hat eine MBA der ESC Lyon.
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